Kant: Mathematik und Psychologie

“Noch weiter aber, als selbst Chymie, muß empirische Seelenlehre jederzeit von dem Range einer eigentlich so zu nennenden Naturwissenschaft entfernt bleiben, erstlich weil Mathematik auf die Phänomene des inneren Sinnes und ihre Gesetze nicht anwendbar ist, man müßte denn allein das Gesetz der Stetigkeit in dem Abflusse der inneren Veränderungen desselben in Anschlag bringen wollen, welches aber eine Erweiterung der Erkenntnis sein würde, die sich zu der, welche die Mathematik der Körperlehre verschafft, ohngefähr so verhalten würde, wie die Lehre von den Eigenschaften der geraden Linie zur ganzen Geometrie. Denn die reine innere Anschauung, in welcher die Seelen-Erscheinungen konstruiert werden sollen, ist die Zeit, die nur eine Dimension hat”
Immanuel Kant : Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft

übersetzt etwa:

Das einzige, was an seelischen Erscheinungen mit Mathematik zu messen wäre, ist ihre Dauer, vielleicht noch ihre Abfolge in der Zeit (wie lange bin ich traurig, wie oft war ich vorm Traurigsein wütend, wie oft ängstlich, bin ich nachher häufiger fröhlich oder häufiger verärgert…).
Das bringt mich aber nicht weit, wenn ich nicht mal gleichzeitig messen kann, wie “traurig” “traurig” im Vergleich zu “fröhlich” oder so überhaupt ist…

Wundt sagt dazu:
Kant ist ein Schwarzseher – immerhin kann ich den Unterschied zwischen “traurig”, “bisschen traurig” und “sehr traurig” messen…oder zumindest den Unterschied zwischen “ich sehe grün” – “ich sehe mehr grün” – “ich sehe weniger grün”…passend zu den messbaren physiologischen Daten (Wie ändert sich das Grün-Erleben, wenn sich das physikalische Grün ändert?)

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