Sprachliche, begriffliche und urteilende Interpretation
Ich mache ein Experiment. Dabei kann ich ein paar ganz bestimmte Dinge beobachten. Die interpretiere ich dann.
Dabei gibt´s folgende Probleme:
1. Sprache
Was ich nicht in Worte fassen kann, kann ich nicht wirklich denken und auch nicht ausdrücken – und unter Umständen müsste das Wort für das, was ich beobachtet habe, erst mal noch erfunden werden…
(mein Bildungsfernsehen: irgendeine Nachmittags-Talk-Show, wo sprachlich nicht so versierte Menschen ihre Meinungen zu bestimmten “Beobachtungen” äußern – und ich sehe: die Grenzen (m)einer Sprache sind die Grenzen (m)einer Welt…ich zitier das ständig, aber es klingt auch so weise…)
2. Begriffe
Ausgehend von den “Sprachproblemen” gibt´s dann für eine Sache vielleicht unterschiedliche Begriffe – und was ich an Beobachtungen unter Begriff A einordne, würde ein anderer vielleicht unter B einordnen.
Oder es gibt für unterschiedliche Sachen nur einen Begriff – und während ich unter diesem Begriff den Zusammenhang X verstehe, versteht ein anderer vielleicht den Zusammenhang Y – und zieht daraus ganz andere Rückschlüsse auf das, was ich beobachtet habe…
Vielleicht ordne ich mangels zutreffenderen Alternativen eine Beobachtung auch mal unter einem nicht 100% zutreffenden Begriff ein – und da hängt sie nun…was nicht passt, wird passend gemacht.
3.Urteile
Aufgrund meiner Erfahrungen und Erwartungen, meinem Vorwissen und meinem VorNichtwissen kann ich vielleicht gar nicht auseinanderhalten, was nun “reine Wahrnehmung” / Beobachtung ist – und was schon drangemachte Interpretation…“wahrnehmen ohne zu urteilen” ist eine schwere esoterische Disziplin für Fortgeschrittene … grins. (guckst du wieder Talk-Shows… oder Frauentausch oder irgendsowas gar nicht Bildendes…)
Die Relationen zwischen Subjekten und ihrem jeweiligen Sprachvermögen sind noch erheblich komplexer als Du dies hier skizzierst, meiner Erfahrung nach. Einige Leute – wie Heidegger, Wittgenstein und alle, die sich mit Semantik und Erkenntnistheorie beschäftigen – haben ähnliche Fragen gestellt und interessante Einsichten gewonnen. Schau mal hierhin: http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/sapir.html
Aus diesem Grund versuche ich Allgemeines nur von einem konkreten Phänomen ausgehend zu beschreiben, so wie es auch in meiner Wahrnehmung angelegt ist.
Mit Gruss an den Mond
jo
Mir ist noch kein “konkretes Phänomen” begegnet, dafür ist in meinem Kopf zuviel Sprache, grins – und meine Wahrnehmungen kriegen Löcher, wenn sie von Sprache getroffen werden. Deshalb hier eher Skizzen als Beschreibungen – in der Hoffnung: Je weniger Sprache, desto weniger Löcher… je weniger Finger, desto mehr Mond.
Dank für das Apfel-Gedicht. Formal ist es zwar halbherzig, aber inhaltlich höchst amüsant und zutreffend. Ich habe es mit Genuss goutiert.
“Im Weg” ist eine interessante Formulierung, nicht wahr, die viele Lesarten zulässt. Wie auch “der Weg”. Auf jeden Fall ist “ergiebige Gesellschaft” ab und zu ganz angenehm.
Ernst von Glasersfeld wäre dann wohl die zweite Ergänzung. Oder ist Dir Heinz von Förster angenehmer? Es gibt von HvF eine wunderbare CD ( http://www.suppose.de/texte/foerstergruen.html ). Kennst Du sie?
2×2=grün …grins.
Unglaublich viel komplexer – mein Text ist nur der Finger, der auf den Mond zeigt…oder die Tür, hinter der sich Welten auftun…
Du hast natürlich recht. Und trotz all der Sprache im Weg schreibe ich lieber über Elefanten, Sandkästen und Gewohnheiten und untersuche daran, wie wenig durchdringt, wenn überhaupt. Gegen Finger habe ich übrigens nichts. Vilem Flusser hat an den Händen wunderbar aufgezählt, was er wahrnimmt.
Hm. Ich will nicht sagen, dass mir die Sprache “im Weg ist” – Sprache “ist der Weg”. Nur leider immer zu gerade, zu kurz, mit verwirrenden Kreuzungen und windverschieften Schildern, oft mit zuviel Verkehr, zu vielen roten Ampeln…aber netterweise immer mit ergiebiger Gesellschaft.
Von Vilem Flusser hab ich noch nie was gehört. Das werd ich aber nach dem ersten vorsichtigen Blick wohl mal ändern:
http://www.claudia-klinger.de/flusser/
Zum Beschreiben von Elefanten und Sandkästen:
http://www.cyber-nacktmull.de/deutsch/gedichte/g_apfel.html