didaktisches Prinzip

"Vom Konkreten zum Abstrakten" ?

- Gedanken zu einem didaktischen Prinzip -

Der Grundgedanke “Vom Konkreten zum Abstrakten” ist viel zitierter Teil des erfahrungsbasierten Lernens, das von David Kolb unter dem Begriff  “Experiential Learning Cycle” (Erfahrungsbasierter Lernzyklus) als Ineinandergreifen von vier Lernschritten beschrieben wird:

  • Konkrete Erfahrung
  • Beobachtung und Reflexion
  • Abstrakte Begriffsbildung
  • Aktives Experimentieren

Während entsprechend dieser Reihenfolge der Grundsatz  “vom Konkreten zum Abstrakten” oft als “Grundprinzip” gehandelt wird, betont Kolb, dass erfahrungsbasiertes Lernen prinzipiell an jeder beliebigen Stelle dieser Abfolge von Lernschritten seinen Anfang nehmen kann.

Die Fähigkeit, konkrete Erfahrungen zu reflektieren, die ihnen zugrunde liegenden Zusammenhänge zu erkennen und daraus allgemeine, übertragbare Regeln zu schlussfolgern, setzt Kompetenzen voraus, die viele (insbesondere viele wahrnehmungsgestörte) Kinder erst entwickeln müssen.
Diesen Kindern fällt es schwer, ihre Wahrnehmung angesichts der vielen Sinneseindrücke im Rahmen einer konkreten Erfahrung auf ein einziges Merkmal zu konzentrieren und die sich auf dieses Merkmal beziehenden Prinzipien zu erkennen und zu entschlüsseln.

So kommen z.B. beim Zählen von “anschaulichen Objekten in konkreten Situationen” (etwa von Kindern im Stuhlkreis) zu unterschiedlichen Wahrnehmungen bezüglich der komplexen Eigenschaften der Objekte noch all die “inneren Bilder” (Gefühle, Erlebnisse, Wünsche u.s.w.) hinzu, die das zählende Kind mit diesen Wahrnehmungen verbindet…

Das Prinzip “Zählen” wird von einer Menge an Informationen und Eindrücken überlagert – und bleibt für manches Kind in diesem konkreten (lat. concretus „dicht, fest“) Zusammenhang auch bei häufiger Wiederholung unersichtlich.
Es fehlen sowohl ein geeigneter Filter zum Aussortieren weniger bedeutender Reize als auch ein Raster, in das die Informationen sinnvoll zusammenhängend eingeordnet werden können.

Ein Reduzieren der Eindrücke erleichtert solchen Kindern das Verständnis für prinzipielle Zusammenhänge:

Abstraktion (lat. abstractus – „abgezogen“, von abs-trahere – „abziehen, entfernen, trennen“) zeichnet sich durch das Weglassen von Einzelheiten zugunsten einer allgemeineren oder einfacheren Darstellung aus.

Wie weit diese Vereinfachung gehen kann oder sollte, unterscheidet sich von Kind zu Kind:
Während das eine zum Zählen lieber Muggelsteine hin und her schiebt und “etwas in der Hand hat”, verliert sich ein anderes dabei im Anordnen der Muggelsteine zu bestimmten Mustern und zählt erfolgreicher unbeweglich auf ein Arbeitsblatt gebannte Kreise.

Wenn das Kind im Umgang mit  “abstrakten” Inhalten die grundlegenden Prinzipien erkannt und wiederholt angewandt hat, kann es auch zunehmend komplexere, konkretere Erfahrungen nach diesen Prinzipien filtern und Inhalte diesen Zusammenhängen entsprechend einordnen. (> Assimilation, Generalisierung, Transfer)

Es liegt in der Verantwortung des Pädagogen, zu erkennen, welches Kind in welchem Lernzusammenhang eher dem Lernstil des Konvergierers (nach Kolb: Lerntyp, der das Lernen über die Bildung abstrakter Begriffe mit anschließendem aktiven Experimentieren bevorzugt) entspricht.

Zusammenfassung der Ergebnisse einer von Jennifer Kaminski durchgeführten Studie an der Ohio State University von Robert Czepel, Redakteur des Wissenschaftschannels science.orf.at. :

“Konkrete Beispiele mögen vielleicht motivierend und anschaulich sein, aber sie blockieren möglicherweise die Übertragung des erlernten Prinzips auf andere Beispiele.”

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