Inklusion ? Das ist doch…
… das Ding, mit dem die Chefs sonderpädagogischer Einrichtungen ihren Angestellten drohen, wenn diese sich wegen immer mieserer Arbeitsbedingungen beschweren… ?
Ich bin über die aktuellen “offiziellen Statements” zum Thema “Inklusion” nicht auf dem Laufenden. Aber was so an “inoffiziellen Meinungen” bei mir ankommt, sieht nicht danach aus, als ob es irgendwelche Informationen an den Emotionen der Betroffenen vorbei geschafft hätten.
Vor allem die Erzieher in den Sonderschulen für Geistigbehinderte haben wohl einfach Angst um ihren Arbeitsplatz – z.T. wird ihnen auch “bei Bedarf” wirklich mit diesen Entwicklungen von wegen Inklusion gedroht.
Da ist vor lauter Druck gar keine Kapazität mehr übrig, um sich mit irgendwelchen Konzepten zur Inklusion zu beschäftigen – das Bild vom armen Behinderten, der in der Regelschule doof und einsam vor sich hinvegetiert, ist aus den Köpfen der Erzieher nicht rauszukriegen. Und das wird an die Eltern genau so weiterkommuniziert und trifft dort genau in die Elternangst.
Für die Eltern ist die “institutionalisierte Ausgrenzung” verständlicherweise weniger bedrohlich als diese Vorstellung vom “individuellen Außenseiter”. Lieber eine (aus)geschlossene statusniedrige Gruppe mit interner Äquivalenz als “Einzelkämpfer”… Interessante Kommentare sind mir da schon untergekommen zu “überehrgeizigen Eltern, die ihre Kinder durch die Regelschule quälen”…
Diese Angst der Eltern hat einen Namen: “Big-Fish-Little-Pond-Effekt” – aber die Argumente auf der anderen Seite sind auch nicht schlecht…
… ein “alter” Artikel dazu: http://www.zeit.de/2005/50/C-BFLP-Effekt
Kaum einer hat verstanden, dass es hier nicht um “raus aus der Sonderschule, rein ins harte Leben” geht, sondern dass dafür natürlich mehr geändert werden soll als nur die Sonderschulen zu schließen oder die Regelschulen zur Aufnahme von Behinderten zu zwingen.
Klar ist, dass es hier nicht um irgendwelche “Imageprojekte” nach dem Motto “Wir machen ja schon…” gehen kann. Klar ist z.B., dass EIN zusätzlicher Sonderpädagoge noch keine “Inklusionsschule” macht – ich kann die (Regelkinder-)Eltern gut verstehen, die da Einspruch erheben. Mit ihrer unpopulären Entscheidung haben sie ein reines Image-Projekt als solches enttarnt. In diesem Sinn: Was soll das “Böse-Eltern-Geschrei” schon in der Überschrift ?
(Na ja – in den Kommentaren zeigt sich, dass es gewirkt hat…) http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Eltern-lassen-Behinderten-Projekt-platzen-id16131516.html
Abseits vom “harten Leben” sieht´s aber dann gerne mal so aus: Von der Sonderschule ins (sozial getarnte) Nichts: 25% der “L-Schüler” tauchen nie auf dem Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt auf. Inklusion sollte das ändern, aber:
“…so wie es jetzt im Moment funktioniert, nämlich Inklusion mit null zusätzlichen Ressourcen und mit null zusätzlichen Mitteln, dann ist es einfach nicht möglich, tatsächlich den Kindern gerecht zu werden, egal ob sie behindert sind oder nicht behindert sind.” http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/archiv/foerderschule/-/id=660334/nid=660334/did=8711604/mz058n/
Angst vor Ausgrenzung auf Elternseite, wirtschaftliche Abhängigkeiten auf Betreuerseite, allgemeiner Geldmangel im Bildungssystem – da kommt man nur schwerlich mit objektiven Informationen durch.
Vielleicht beschäftigen sich die “offiziellen Verhandlungen” auch inzwischen schon längst mit eben diesen Ängsten und Abhängigkeiten – ich bin, wie gesagt, da nicht auf Laufenden. Und ich hab auch nicht den Nerv, mich mit dem offiziellen Kram auseinanderzusetzen… krieg ich ja nämlich fast einen Würgereiz, wenn ein Träger einerseits nett lächelnd irgendwo “Teilhabe”-Buttons verteilt, und andererseits alles auszubremsen versucht, was ihn “Macht und Geld” kosten könnte… igittigitt.
lesenswert an dieser Stelle:
“Die gesamte Branche lebt von der Exklusion. Geldgierige Wohlfahrt” http://www.taz.de/!74546/
Unter dem wirtschaftlichen Aspekt noch was zu den vieldiskutierten Integrationshelferstunden:
(Diskussion z.B. hier: “Die Schule den Kindern anpassen – nicht umgekehrt!” http://www.macht-bildung.de/?p=1274 )
Interessant wäre, zu wissen, ob das Jugend- (Sozial-?)Amt für alle Intergrationshelferstunden den gleichen Stundensatz bezahlt. Die entsprechenden Stellen in den Institutionen bezahlen jedenfalls sehr unterschiedlich – und für mich hat das schon wiederholt so ausgesehen, als ob dieses “Integrationshelferding” von einigen einfach auch als nette Einkommens- und Arbeitskräftequelle genutzt wird. (Falls das Amt nur bezahlt, was die Integrationshelfer tatsächlich kriegen, vergesst den nächsten Abschnitt )
1. Ich stelle für das Leisten der genehmigten und (von Amt) finanzierten Stunden einen Freiwilligen / Ehrenamtlichen ein (z.B. im Rahmen eines FSJ) – der kostet mich allenfalls einen Apfel und ein Ei, das Geld vom Amt fließt fast komplett… äh… “in die Verwaltung”…
2. Ich bin privater Träger einer G-Schule und biete gleichzeitig einen Integrationshelferdienst an, spare das Einstellen von mehr Personal, und ziehe den Integrationshelfern noch “Verwaltungsgebühr” ab…
Wie gesagt, meine persönlichen Eindrücke mit hinterlistig platzierten Links. Über andere Eindrücke und Meinungen würde ich mich freuen. Hätte echt nichts dagegen, mit vielen meiner Einschätzungen ganz falsch zu liegen.
Foto von Michael Bruns
lizensiert unter CC BY 2.0
Lasst den Kindern ihren Willen!
Wie wir gleichWERTig mit gleichberechtigt verwechseln
und unseren Kindern damit ihre (Selbst)WERTE ab-erziehen
Kind: “Ich will nicht”
Erwachsener: “Aber du sollst wollen! – Du muss doch einsehen dass….
also will gefälligst, was ich will! ”
“Scheindiskussionen und Überdisziplinierung in der Erziehung
unter dem Aspekt der Moralentwicklung beim Kind
im Hinblick auf demokratische Diskurskompetenz
(und politische Partizipation?)”
Piaget sah die moralische Entwicklung des Kindes eng an dessen kognitive Entwicklung gebunden, Kohlbergs Stufenmodell der moralischen Entwicklung geht auf die Ideen von Piaget zurück:
Werte müssen – entsprechend der kognitiven Entwicklung ( = kindgemäß) - erarbeitet werden. Die Auseinandersetzung mit Gleichberechigten im Prozess des Entdeckens, Verbalisierens und Kommunizierens von Werten wird von beiden „Moralforschern“ als unverzichtbar für die Weiterentwicklung von „äußeren Werten“ (→ heteronome Moral, Orientierung an den positiven oder negativen Konsequenzen einer Handlung aus Respekt vor Autoritäten und Machtverhältnissen) zu „inneren Werten“ (→ autonome Moral, Orientierung an ethischen Prinzipien aus innerer Überzeugung und Einsicht) beschrieben.
Nur ein Diskurs unter „seinesgleichen“ und mit offenem Ausgang lässt dem Kind den notwendigen Raum, sich seiner eigenen Werte bewusst zu werden. Ohne Bewusstsein für seine eigenen „inneren Werte“ entwickelt es kein Bewusstsein für die „inneren Werte“ von anderen – es kann keinen Wechsel der sozialen Perspektive vollziehen. Fehlt diese Fähigkeit zum Perspektivwechsel, dann fehlt die Basis für gegenseitigen Respekt…
“Die Jugend liebt heutzutage den Luxus.
Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll.
Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten.
Sie widersprechen ihren Eltern schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.”
Sokrates
(470 – 399 v. Chr.)
Mein Eindruck: Wir überfordern die Kinder mit Scheindiskussionen.
„Mein Wert“ mag ein „innerer Wert“ sein – zumindest halt ich ihn ja dafür^^ – für das Kind bleibt er „dein Wert“, die Vorstellung eines Erwachsenen, etwas, das von außen an es herangetragen wird… eine Forderung, die unabhängig von seiner „Einsichtigkeit“ durchgesetzt werden wird…
Das gutgemeinte „partnerschaftliche“ Diskutieren – gedacht zur Unterstützung der moralischen Entwicklung und Diskurskompetenz im Rahmen von demokratischem Denken und Partizipation – bewirkt in dafür ungeeigneten Situationen genau das Gegenteil.
„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“
Afrikanisches Sprichwort
Ich verlange von einem Kind „Einsicht“ in meine Forderung. Angesichts der Tatsache, dass es die zu dieser Einsicht notwendigen kognitiven Fähigkeiten erst noch entwickeln muss, stellt sich die (meiner Meinung nach etwas peinliche) Frage:
Wieso bin ich als Erwachsener eigentlich so scharf auf die Bestätigung meiner Werte
- durch ein Kind? *kopfkratz*
(weil ich mir meiner Werte selbst nicht sicher bin ?? )
Meine Erwartung „Das musst du doch einsehen!“ überfordert das Kind. Ich werte seine eigenen Ideen, seinen Willen, seine Erfahrungen und Bedürfnisse und viel zu oft auch gedankenlos sein ganzes Selbst ( = den Menschen „Kind“ ) in solchen (Schein-)Diskussionen ab. Das Kind ist in dieser Situation nun mal nicht gleichberechtigt, sondern kognitiv und emotional unterlegen.
Deshalb nenn ich das auch eine Scheindiskussion: Der Überlegene beweist dem Unterlegenen, dass dieser „falsch“ denkt.
Wie fühlt Ihr euch, wenn der Chef sagt: „Ich hab die besseren Argumente, du bist nur zu doof, um das einzusehen“?
Fatal: Für ein Kind sind (falsch) Denken und (falsch) Fühlen noch EINS.
Noch fataler: Für ein Kind sind (falsch) Fühlen und (falsch) Sein noch EINS.
Das Kind lernt in einer solchen Diskussion:
Ich bin falsch.
= Unsicherheit, Selbstzweifel, ein vermindertes Selbstwertgefühl, Frustration…
mit der Reaktion: Vermeidungsverhalten (Null Bock) oder Aggression.
(deshalb müssen uneinsichtige Kinder oft in eine Therapie)
Das Kind entwickelt die Einstellung:
Wenn ich falsch bin,
sind meine „inneren Werte“ falsch.
Ich will nicht falsch sein.
Also übernehm ich sicherheitshalber die „äußeren Werte“, die andere mir vorschlagen.
Dann merkt zumindest niemand,
dass ich falsch bin.
Das scheint in diesem Moment eine gute Lösung für alle Beteiligten – Erwachsene und Kinder – zu sein.
Blöd nur , wenn aus diesem Kind dann ein Teenager wird, der sich zunehmend dem Einfluss „vernünftiger“ Erziehungspersonen entzieht und sich auf der Suche nach Werten an eventuell weniger vernünftigen Peergroups und Medien orientiert.
Stichworte:
- Kiffen macht gleichgültig
- Ausländer raus
- Wer xyz macht /hat /ist, ist cool
- ……
Da findet „Kind“ dann entsprechend seiner Kompensationsstrategien (Vermeidung oder Aggression) sicher etwas passendes…
Also doch lieber autoritär statt partnerschaftlich ? Ein Lob der Disziplin ?
Natürlich können in der Erziehung viele Auseinandersetzungen nicht als echte, partnerschaftliche Diskussionen geführt werden, weil der Ausgang in jedem Fall vom „überlegenen“ Erwachsenen bestimmt wird – im Rahmen seiner Verantwortlichkeit von ihm bestimmt werden MUSS.
„Kinder wollen nicht immer, was sie brauchen“
lese ich grinsend bei Jesper Juul.
In diesem Moment liegt meine Verantwortung gegnüber dem Kind nicht darin, sein Wollen abzuwerten oder seinen Willen zu „disziplinieren“ , sondern darin, ihm „ohne viel Gespräch“ („Das musst du doch einsehen“) das zu geben, was es braucht – auch gegen seinen Willen, aber nicht mit dem Ziel , diesen zu „zerstören“:
“Du willst das.Es ist okay, das zu wollen.
- Ich will jenes. Ich trage die Verantwortung, deshalb machst du, was ich will.”
So kann ich dem Kind seinen Willen lassen – auch, wenn ich ihm nicht folge und meinen Willen durchsetze.
Eine in diesem Sinne erfolgreiche Intervention zeigt sich darin,
dass das Kind fürchterlich schimpft und flucht,
während es das tut,
was ICH will…
Übrigens weiß ich aus eigener Erfahrung zu berichten, dass auch ein großzügig-demokratisches „Dann mach doch, was du willst“ – gefolgt von einem späteren „Siehste – das hab ich doch gesagt. Hättest du mal bloß auf mich gehört“ nicht wirklich zum Aufbau eines Selbst – Wert – Gefühls beiträgt.
Eltern, Erzieher, Lehrer…
Zu oft geben wir unseren Kindern Antworten, die sie behalten sollen,
anstatt Aufgaben, die sie lösen sollen.
(Roger Lewin, amerikanischer Anthropologe und Wissenschaftsjournalist, geb. 1946)
In unsrer Funktion als „Wertevermittler“ neigen wir vielleicht zu häufig dazu, uns mit zu vielen und in zu viele Diskussionen einzumischen – um die „richtigen“ Werte vorzugeben – und stören damit wichtige Entwicklungsprozesse:
„Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns Zwergobst.“
Georg Christian Lichtenberg
Und ich frage mich:
Wo und wie und vom wem sollen Kinder unter diesen Umständen soziales Engagement und politische Partizipation lernen ?
(Wie und warum soll ich meine Werte vertreten, wenn ich keine habe ?)
“Demokratie”, so Theodor W. Adorno, “beruht auf der Willensbildung eines jeden Einzelnen, wie sie sich in der Institution der repräsentativen Wahl zusammenfasst. Soll dabei nichts Unvernünftiges resultieren, so sind die Fähigkeit und der Mut des Einzelnen, sich seines Verstandes zu bedienen, vorausgesetzt.” Obwohl bereits lange bekannt ist, dass die Realisierung der Demokratie weniger unter einem Mangel an gutem Willen und demokratischen Werten leidet (weshalb auch die ständigen öffentlichen Appelle, uns auf moralische Werte zu besinnen, an dem Problem vorbeizielen), als vielmehr an einem Mangel. an demokratischen Fähigkeiten, wird immer noch darüber gestritten, erstens, ob die Schule diese Kompetenzen überhaupt fördert bzw. fördern kann,und zweitens, welche pädagogischen Methoden sich dafür eignen.
aus: Prof. Dr. Georg Lind – Moralerziehung als demokratische Bildung
Wir sollten Möglichkeiten zu echten Diskussionen erkennen, bewusst schaffen und nutzen – und dann tatsächlich auch nur in solchen Situationen diskutieren, in denen wir ehrlich bereit und in der Lage sind, ihren Standpunkt offen zu betrachten und uns von ihren Ideen und Argumenten eventuell auch überzeugen zu lassen.
Lasst den Kindern ihren Willen, denn aus dem Wollen werden Werte.
Danke an meine “Co-Autoren im Geiste”:
- diverse noch unverzogene Kinder,
die meine pädagogischen Fehlanwendungen mit einem frechen Grinsen quittieren - “sture” Downis,
die Scheindiskussionen konsequent einfach ignorieren - sozialwahrnehmungsgestörte Autisten,
die sich auf diese “Spiele der Erwachsenen” gar nicht einlassen (können)
Please complete:
Wer hat / schreibt noch einen ergänzenden Artikel, der hier verlinkt sein sollte ?
So was wie:
- Keine kompetenten Kinder ohne kompetente Erwachsene (* wink *)
- “Partizipation braucht Mut derer, die sie zulassen…” (* grins *)
- Medien- und Informationskompetenz im Mitmach-Web:
Internet und politische Bildung (@beatnig ?) - Demokratie 2010: (Schein-) Partizipation ?
- “…dass eine demokratische Gesellschaft, um den Rückfall in Diktatur und Barbarei zu verhüten, die Bildung
ihrer Bürger zu fördern habe, koste es, was es wolle.”
(nach Alexis de Tocqueville ,1805-1859, Historiker und Staatstheoretiker) - …. was euch dazu noch einfällt, was euch auf dem Herzen liegt, was ihr ganz anders seht….
Bilder: http://www.morguefile.com/




