Von der Pädagogenseele geschimpft
Angefangen hat es mit diesem Artikel: “Die Jagd nach dem Schatz – so räumen Kinder ohne Knatsch ihr Zimmer auf”
Christoph Puppe wollte wissen, was ich von solchen “spielerischen Maßnahmen” halte… und zusammen mit Borg Drone hatten wir dann zu dritt eine mehrtätige, meinem Gefühl nach gute und interessante Diskussion über gesellschaftlichen Wandel, Erziehungsziele, Erziehungsstile und Erziehungspraktiken. Wer die ganze Diskussion nachlesen will: Die gibt´s hier in Google+.
Angesichts der vielen “Walls of Text”, die ich dort hinterlassen habe, ist mir klar geworden, dass ich mir zu diesem Thema dringend mal was von der Seele schreiben muss – daher nun hier mein Pädagogeninnerstes nach außen gekehrt… in Form eines Zusammenschnitts meiner Beiträge in dieser (und anderen) G+-Diskussionen.
(Kann sein, dass die folgende “Wall of Text” etwas durcheinander geht. Aber ich will meine Gedanken und Ansichten einfach mal loswerden.)
Das mit der Schatzsuche (siehe oben verlinkter Artikel) fällt für mich unter Kinderverarsche – Kinder verarschen heißt: Kinder nicht ernstnehmen. So was entsteht aus der Idee, das Kind müsste doch einsehen, dass… was auch immer. Hier halt, dass ein aufgeräumtes Zimmer doch viel toller ist. Hab ich als Kind auch nicht eingesehen.
Das heißt nicht, dass man Probleme nicht auch mal spielerisch lösen kann – manchmal ist auch einfach keine Kapazität mehr für Auseinandersetzungen übrig. Aber das sollte keine Dauerlösung sein – meine Meinung: Her mit den Konflikten, solange ich sie noch halbwegs überblicken und kontrollieren kann…
Wie gesagt – ab und zu ein Spielchen schadet sicher nicht und tut dem Familienklima gut. Aber als grundsätzliches Konliktlösungsprogramm würd ich das nicht empfehlen.
Denn mit diesem Spielchen hab ich dem Kind einfallsreich untergeschoben, was ICH für richtig halte – ohne dass es sich bewusst damit auseinandergesetzt hat. Ich finde es fairer, wenn ich das als “meine Einstellung” (kann es sich dann gerne als Vorbild nehmen) deutlich mache. Da erwarte ich auch keine Begeisterung, das Kind soll ruhig fürchterlich schimpfen, während es macht, was ich will.
Für mich ist so ein Dialog wie: “Ich will, dass du dein Zimmer aufräumst” – “Warum?” – “Weil ich das so will” immer noch das kindgerechteste. Da mach ich ganz klar, dass das Kind nicht einsehen muss, warum ich das will – also braucht es sich auch nicht irgendwie “uneinsichtig” zu fühlen, wenn seine Welt nunmal anders funktioniert. Das Problem bei dieser Art der Kommunikation ist, dass viele “Erziehungsverantwortliche” nicht ertragen können, mal (vorübergehend) der “Feind” zu sein – und von ihrem Kind lieber Einsicht (= Zustimmung und Anerkennung) wollen. Dafür ist das Kind aber nicht zuständig… von wegen “Partner”…
Kinder brauchen keine Grenzen, Kinder haben Grenzen. Und Eltern haben auch Grenzen. Und es wäre für alle Beteiligten vielleicht einfach mal gut, wenn sich die Eltern (nicht die Kinder) über die Grenzen ihrer Kinder und ihre eigenen klar werden könnten und die Verantwortung dafür übernehmen wollten, dass diese Grenzen (auch die ihrer Kinder) eingehalten werden. Und dabei sollte es Eltern egal sein, ob die Kinder Grenzen einsehen oder nicht – mit “pädagogischer Überzeugungsarbeit” und “du musst doch einsehen, dass…” versuchen Eltern meiner Meinung nach, ein Stück der Erziehungsverantwortung an ihre Kinder abzugeben. Und die Kinder sind damit natürlich überfordert – weil es zur Einsicht einfach an Lebenserfahrung fehlt.
Witzigerweise hatte ich bis jetzt mit trotzigen “Ich will nicht”-Kindern durchgehend Erfolg mit dem Hinweis “Ich weiß, dass du das nicht willst. Aber ich will es. Und deshalb wird es jetzt gemacht, sonst gibt´s Ärger” Das Zauberwort war: “Ich weiß, dass du das nicht willst.” Damit fühlen sich die Kinder anscheinend als Person ernstgenommen – und das spart ihnen “weitere Hinweise” auf den eigenen Willen. Ab einem bestimmten Alter funktioniert das mit Sicherheit nicht mehr – deshalb würd ich´s schon rechtzeitig “üben”.
Eigentlich also gut, “wenn das Kind bockt und blockt”, denn damit artikuliert es seinen Standpunkt doch deutlich (“artikulieren” heißt ja nicht zwangsweise “verbalisieren”). Kritisch wird´s meiner Meinung nach da, wo das Kind sich ohne Ausdruck seiner eigenen Meinung “in sein Schicksal” fügt – da braucht´s dann auch dringend die Unterstützung beim Artikulieren seines Willens. Ich will ja keine angepassten Kinder. Ich will Kinder, die sich trauen, anderer Meinung zu sein. Das kann ich mir leisten, wenn ich “der Chef” bin und mich (nicht meine Meinung!) durchsetzen kann.
Beim “Bocken und Blocken” kommt der Wille deutlich rüber. Und das würd ich dann auch als Ausdruck akzeptieren und nicht mit einem “Spiel” drüberhinwegmanövrieren.
Denn damit würd ich seinen Willen nicht ernstnehmen und ihm meinen Willen aufdrängen…. unterjubeln, wie auch immer. Wenn ich es offen zwinge, sein Zimmer aufzuräumen, zwing ich ihm ja nicht meinen Willen auf. Es darf seinen eigenen (Un)Willen ruhig behalten – auch wenn es in dieser Situation nach meinem Willen handeln muss. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Unter “zwing ich ihm meinen Willen auf” versteh ich, dass es dann „wollen soll“, was ich will. Aber mir reicht´s ja, wenn es macht, was ich will – auch wenn es selbst das nicht will. Ich zwinge ihm nicht meinen Willen auf – ich lasse ihm seinen. Ich kontrolliere das Verhalten des Kindes, nicht seine Einstellung zu diesem Verhalten. Die Einstellung soll es ruhig seinen Erfahrungen gemäß entwickeln.
Den Unterschied wird man vielleicht im Handeln gar nicht mal erkennen, er wird nur deutlich, wenn man sich ansieht, wie das Kind und der Erwachsene sich einerseits in der “Spielsituation”, andererseits in der “Kampfsituation” selbst und gegenseitig wahrnehmen – und vor allem darin, wie sich das Kind vom Erwachsenen wahrgenommen fühlt.
Äh – und reden würd ich in der Situation eh nicht so viel. Nur anordnen. Reden (und vor allem Zuhören) geht erst wieder, wenn der akute Konflikt aus der Welt ist.
Die Einsicht kommt dann irgendwann, oder auch nicht. Das ist okay – ein Kind muss die Dinge nicht so sehen wie ich. Kann es ja auch gar nicht, auf Basis seiner fehlenden und / oder anderen Erfahrung. Trotzdem bin ich der Chef und trage letztlich ja auch die Verantwortung. Und die würden meiner Meinung nach viele gerne an das Kind abgeben (Text: “Dann mach doch, was du willst, aber jammer nachher nicht über die Konsequenzen”) oder zumindest mit ihm teilen (Text: “Du musst doch einsehen, dass…”). Und DAS finde ich unfair und manipulativ. In dem Spielfall wär der (gedachte) Text dann etwa “Siehste, war doch gar nicht so schlimm, ich hatte recht und du warst doof, weil du nicht gleich eingesehen hast, dass mein Wille besser ist als deiner.
“Weil ich es will” schließt übrigens keine “pädagogische wertvollen” Erklärungen aus. Ich kann ja (als Vorbild) durchaus sagen “Ich will das, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass…”, “…weil ich der Meinung bin, dass…”. Was ich schrecklich finde, sind solche Erklärungen in Form von Pseudo-Ich-Botschaften wie etwa “Es macht mich ganz traurig, wenn du”… brrrr. Die Verantwortung für meine Seelenleben soll kein Kind tragen müssen.
Was vielen “emotional” von der Anerkennung ihrer Kinder abhängigen Erwachsenen an dieser Stelle nicht gelingt: Nachgeben, sobald das Kind nachgibt, auch wenn es das Verlangte mit Murren tut. Viele warten auf “Einsicht” und ziehen den Konflikt damit unnötig in die Länge. Sobald das Kind die ersten Bausteine in die Kiste räumt, kann wegen mir das “Spiel” gerne beginnen – und ich helfe dann auch beim Aufräumen und bin “Vorbild” und zeige, mit welchen Aufräumstrategien man das Chaos (vorübergehend) besiegen kann.
Mein Erziehungsziel ist dabei nicht, “Unlust” spielerisch in “Lust” umzuwandeln. Was hab ich davon, wenn ein Kind nur macht, worauf es Lust hat? Es ist nicht immer ein Animateur zur Stelle, der Volition mit Motivation ersetzt.
Mein Ziel wäre eher, dem Kind das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu vermitteln. Auch das unwillig aufgeräumte Zimmer hinterlässt ein Erfolgserlebnis und überzeugt vielleicht auch durch andere Vorteile. Mit der Zeit weiß das Kind diese Vorteile entweder auch zu schätzen oder es setzt das Aufräumen samt Ergebnis eben weiter unten in die individuelle Prioritätenliste. Jedenfalls hat es mit meiner Hilfe Strategien erworben, wie es das Ziel “aufgeräumtes Zimmer” erreichen kann, wenn es das will… wenn es also seine Einstellung zu dem entsprechenden Verhalten eventuell geändert hat.
Selbstwirksamkeit hinterlässt ein nettes Lebensgefühl – und ist vielseitiger verwendbar als Spaß am Aufräumen.
Schrecklich finde ich, dass – in meiner Wahrnehmung vor allem engagierte Eltern mit gut geförderten und deshalb verbal ziemlich fitten Kindern – ihre Kinder bei dem Versuch, sie zur Einsicht zu bewegen, mit Erklärungen tottexten. Ungeachtet der Tatsache, dass gerade bei Kindern “benutzte Sprache” und “verstandene Inhalte” eben nicht das gleiche sind, unterstellen viele Eltern ihren Kinden eine moralische Kompetenz, die die Kinder in ihrem kurzen Leben einfach noch nicht entwickelt haben können. Also bitte die Erklärungen auch an die Kinder anpassen – und gerne auch mal erst “nach der heißen Phase”.
Ich hatte vor kurzem Gelegenheit, zwei jungen, offensichtlich sehr engagierten Eltern fast eine Stunde lang bei der “Erziehung” ihres etwa 2jährigen Sprösslings zuzuhören. Dank diverser Pflichlektüren aus meiner Erzieherausbildung hätte ich zu jedem der etwa 100 Versuche, das übermüdete und deshalb überdrehte Kind zu beruhigen, eine passende Textstelle aus einem Erziehungsratgeber nennen können… Da war von “Kinder brauchen Grenzen” über “Kinder lernen aus den Folgen” bis zu der Idee “Ich mache jetzt mal eine klare Ansage” einiges vertreten… (die Ansage kam dann tatsächlich, ziemlich wort- und argumentenreich – gegenüber einem Kleinkind!) Es wurde diskutiert, verhandelt, gezappelt und geweint – ohne Erfolg, für keine der zwei (manchmal auch drei) Seiten. Und alle Beteiligten – Eltern und Kind – schienen miteinander, voneinander und von sich selbst völlig überfordert.
Mir war dringend nach einem klaren “Sitz !” in überzeugender Tonlage.
Und ja, ich übe Druck aus. Mein Favorit ist die negative Verstärkung: “Wenn du nicht xxx, dann darfst du nicht yyy”. Wichtig ist mir dabei das ” darfst du nicht”… denn ” kannst du nicht” geht mir zu sehr Richtung “Kinder lernen aus den Folgen” – von wegen “die (aufgezeigten) Konsequenzen sollen sich ganz natürlich aus dem Verhalten ergeben”. Hab ich schon paarmal probiert. Bestenfalls orakeln sich die Kinder irgendwelche Voodoo-Kausalitäten zusammen, minderbestenfalls haben sie das Gefühl, dass der Erwachsene sie auflaufen lässt und eiskalt zuguckt, wie sie sich in den “natürlichen” Konsequenzen verheddern. Das fördert weder das Vertrauen in den Erwachsenen noch ein positives Selbstkonzept… Schlimmstenfalls interpretieren sie irgendwann einen Generalzusammenhang: „Ich bin verkehrt, deshalb passieren mir so doofe Sachen und ich krieg nichts geregelt.“ Deshalb lass ich die Verantwortung für die Konsequenzen lieber schön übersichtlich bei mir… Das reduziert meiner Meinung nach den “Leistungsdruck” ganz erheblich. (Äh – und mal so nebenbei… nicht mal ich als Erwachsener schaffe es immer auf das entsprechende Reflexivitätsniveau, um alles doofe, was mir passiert, als Konsequenz auf mein eigenes Denken und Verhalten zu erkennen – und das ist gut so, sonst wär ich ja mit mir selbst komplett überfordert)
Und nein, ein angesichts negativer Verstärkungen eventuell zu befürchtetender “Gehorsam aus Angst” entsteht nicht dadurch, dass ich Konsequenzen androhe (oder auch mal meine körperliche Überlegenheit ausnutze… mit Festhalten, Irgendwohinschieben…). Angst entsteht da, wo Kinder sich physisch oder psychisch als Person abgelehnt und “bedroht” fühlen. Ich muss in Konflikten darauf achten, das Verhalten des Kindes von der “Person als Ganzes” zu trennen, und mit ein bisschen Empathie kann ich dieses Verhalten meistens auch verstehen und dieses Verständnis auch rüberbringen – und das Verhalten dabei trotzdem als verkehrt kritisieren oder ein anderes Verhalten verlangen. Es irritiert ein Kind gar nicht, wenn ich diesen Zusammenhang deutlich mache. Wichtig ist, dass es dabei echt nur um’s Verhalten geht, nicht um’s “Komplettkind”. Und sowas lässt sich meiner Meinung besser in offenen Konflikten artikulieren als in “verdeckten Erziehungsoperationen”, in denen die unterschiedlichen Standpunkte und wesentlichen “Konfliktthemen” gar nicht deutlich werden.
Dabei fällt gerade engagierten Eltern, die besonders hohe Erwartungen an ihr erzieherisches Handeln haben, der Gedanke schwer: „Ich bin der Chef, auch wenn ich nicht recht habe.“ Heißt: Wenn mir in der Konfliktsituation klar wird, dass das Kind mit meiner Forderung vielleicht einfach auch überfordert ist (z..B. hätt ich doch mal was von Aufräumen gesagt, als der Durcheinander noch halbwegs übersichtlich war), setz ich mich trotzdem erst mal durch. Dabei sag ich dann auch, dass ich (als letztlich Verantwortlicher) vielleicht besser zu einem anderen Zeitpunkt schon hätte unterstützend einschreiten sollen, dass ich das aber verpasst habe und wir jetzt halt mit der Situation klarkommen müssen, wie sie ist…. und dass ich das Mal dann aber besser weiß, wann ich mit schimpfen anfangen muss.
Vorbilder müssen nicht omnipotent sein. Sie sollen´s eigentlich gar nicht sein. Damit kommen Kinder klar.
Irgendwann kommt dann eh das Alter, in dem einem die “Druckmittel” ausgehen – bis dahin hat das Kind dann hoffentlich gelernt, dass wir (meistens) Gründe für unsere Ansichten haben und es uns vertrauen kann.
Ich bezweifle, dass sich in “manipulativen” Erziehungspraktiken so ein Vertrauen wirklich aufbauen kann. (PS: Mary Poppins mag ich trotzdem).
Ich denke schon, dass sich in der Erziehung wegen steigender Sensibilität vieles verbessert hat. Leider machen viele “Erziehungsratgeber” mit ihren “Kurzgebrauchsanleitungen” aber auch vieles kaputt, weil man die Konzepte nur sinnvoll umsetzen kann, wenn man die Ideen und Zusammenhänge dahinter versteht und die Kinder nicht “zwangskonzeptionieren” will.
(siehe weiter oben das Beispiel mit den seltsamen Ich-Botschaften, die eigentlich getarnte Schuldzuweisungen sind…)
Grundsätzlich finde ich das Verhandeln über Strukturen und Konzepte wichtig. Leider entsteht dort, wo Mangel an gesundem Menschenverstand auf Konzepte trifft, oft ein gefährliches Halbwissen. Ganz doof, wenn dann auf dieser Basis “Konzepte” weitervermittelt werden. Ein Blick in Kindergärten und Schulen… Und ich sehe viele halbverstandene und damit ad absurdum geführte Konzepte… .. weshalb ich zuverlässige, kompetente (und distanzierte) “Erziehungsfachkräfte” ziemlich wichtig finde - aber … siehe “Sparmaßnahmen”…
Blöderweise haben die zuständigen pädagogischen Fachkräfte (vor lauter Sparmaßnahmen ?) einfach auch keine Zeit – und oft auch keine Energie mehr -, sich effektiv mit diesen Ideen auseinanderzusetzen… Was dabei herauskommt, ist dann etwa so, als würde eine Unternehmensleitung sich auf das Konzept “kontinuierliches Verbesserungsmanagement” beziehen und dafür einen Zettelkasten als “Beschwerdebox” aufhängen…
Was mich schüttelt ist, dass es tatsächlich bestätigt sinnvolle Konzepte und (langfristig und sorgfältig) evaluierte Maßnahmen gibt – aber keiner danach zu fragen scheint. Vielleicht sind die kleinen Schritte und die langen Zeiträume, in denen diese Maßnahmen nur umgesetzt werden können, nicht spektakulär genug? Freie (finanzielle und personelle) Kapazitäten werden lieber “publikumswirksamer” eingesetzt…
Im Moment werden überall halbherzig und trotzdem übereifrig Konzepte “aus der Wirtschaft” umgesetzt, Bildung wird über “Leistung” definiert, Pädagogische Konzepte in diversen Ordnern an- und abgelegt, weil von “oben” (weit weg vom täglichen Geschehen) so angeordnet.
Das Problem verschärft sich dadurch, dass selbst da, wo die Bildungspolitik Feedbackkanäle schafft, überwiegend nur “politisch korrekte” Feedbacks geäußert werden. Wir haben hier im Saarland sehr kommunikationsbereite Bildungspolitiker, die das Internet wirklich zur direkten Kommunikation nutzen. Aber niemand der „Insider“ traut sich, zu erzählen, was in den Institutionen wirklich abgeht. Beispiel: Eine private Sonderschule verteilt mit engagiertem Untertext Teilhabebuttons. Intern droht man den angesichts der zunehmend schlechteren Arbeitsbedingungen murrenden Angestellten indessen mit “inklusionsbedingten” Entlassungen und die meisten Mitarbeiter halten dementsprechend wenig von neuen Konzepten – und tunlichst auch die Klappe. Der bemühte Kommunikationspolitiker muss aber mit dem arbeiten, was er an Feedback kriegt…
PS: Das Familienleben sollte meiner Meinung nach auch auf keinen Fall in “Erziehungsmanagement” ausarten müssen – sonst kommen die Eltern vor lauter Erziehen ja nicht mehr dazu, ihre Kinder liebzuhaben.
„Egal, wie man sein Kind erzieht, man macht es immer falsch.
Hauptsache man macht es mit so viel Liebe wie möglich falsch.“
Reinhard Mey
Das ganze in “etwas wissenschaftlicher” hab ich hier schon mal darzustellen versucht: Lasst den Kindern ihren Willen!
Hier eine interessante Arbeit zu Erziehungungsratgebern: Aktuelle Erziehungsratgeber – Populismus oder wissenschaftlich belegbar?
Bilder: http://openclipart.org/
The Open Clipart Library (OCAL) is the Largest Collaboration Community that creates, shares and remixes clipart. All clipart is released to the public domain and may be used in any project for free and with no restrictions.
Robbie rennt.
“Dann besorgen Sie sich schon mal gute Laufschuhe
”…
So endet der Übergabe-Bericht der Integrations-Erzieherin anlässlich der Einschulung von Robbie.
Robbie, Autist, taubstumm – er kennt 3 Zeichen: gut, warte, ohweh.
Und er rennt. Aus dem Gruppenraum, vom Spielplatz, auf die Straße, oder einfach weg.
Unrufbar taub, kein Blickkontakt.
Also hinterher rennen – oder festhalten, wenn grade keine Extra-Betreuung zum Rennen abgestellt werden kann.
Pause auf dem Spielplatz:
Robbie rennt.
Ich renne hinterher und bringe ihn zurück.
So kennt er das. Seine Welt funktioniert.
GRENZE:
eingefangen und irgendwohin gezogen werden
Robbie rennt.
Ich renne hinterher und bringe ihn zurück.
Ich behalte ihn an der Hand. Er tobt. Er weint.
Ich halte ihn trotzdem fest. Er beruhigt sich.
Ich lasse ihn los.
Robbie rennt wieder.
Ich renne hinterher und bringe ihn zurück.
Ich halte ihn fest. Er tobt. Er weint.
Ich halte ihn trotzdem fest. Er beruhigt sich.
Er (er)wartet, dass ich ihn loslasse.
Ich halte ihn fest. Er tobt. Er weint.
Ich halte ihn trotzdem fest.
Zum 1. Mal schaut er mich an – mich, das Hindernis *.
(einige andere schauen mich auch an – mich, den Kinderquäler
)
Bis zum Ende der Pause bleibt er an meiner Hand.
Quengelt, beschwert sich, ist still, guckt mich einfach an.
Pause auf dem Spielplatz:
Robbie rennt.
Ich renne hinterher und bringe ihn zurück.
Ich lasse ihn los – und bleibe “auf der Grenze” stehen.
Er schaut mich an.
Ein Schritt vor – ein Blick zu mir. Ich schüttele den Kopf, drohe mit dem Finger.
(nicht lachen, das Zeichen kennt er halt…)
Ein Schritt zurück – ein Blick zu mir. Ich klatsche, Daumen hoch!
Ein Schritt vor – ein Blick zu mir. Ich schüttele den Kopf, drohe mit dem Finger.
Ein Schritt zurück – ein Schritt vor – Schritt zurück – zwei Tippelschritte vor – ein Satz zurück
… er schaut mich an – lacht.
Ein berechenbares “Wenn-Dann” mehr in seiner unberechenbaren Welt.
Mit diesem “Tanzschritt” klären wir noch andere für Robbie bisher unsichtbare – nicht nachvollziehbare, nicht wahrnehmbare – Grenzen, z.B. die Sicherheitszone um die Schaukeln, den Gruppenraum, den Bürgersteig…
Und Robbie rennt. Frei. Bis an die Grenzen.
GRENZE:
frei bewegen dürfen
ohne eingefangen und irgendwohin gezogen zu werden
*Das “Sei ein Hindernis” hab ich von einem Gebüsch gelernt
- aber das ist eine Geschichte, die ich noch nicht aufgeschrieben habe.

