Das "Schon" der anderen
Vorinformation zum besseren (Un-)Verständnis der folgenden Geschichte:
Ein “normaler Erzieher” kostet einen “normalen Arbeitgeber” über 30 € pro tatsächlich gearbeitete Stunde – wenn man Urlaubs-, Krankheits- und Feiertage auf den Stundenlohn umlegt.
Ein Integrationshelfer (auch Schulbegleiter genannt) kostet das Jugendamt 16 € pro tatsächlich gearbeitete Stunde – umzulegen gibt´s nix, weil nicht gearbeitete Stunden – etwa wegen Ferien, Feiertag, Krankheit des Begleiters oder des zu begleitenden Kindes – nicht bezahlt werden.
Als Integrationshelfer arbeiten in der Regel keine pädagogischen Fachkräfte, sondern z.B. junge Menschen im “Freiwilligen Sozialen Jahr”.
Es sei eine Erzieherin:
Seit sie ihren letzten Arbeitsvertrag freiwillig nicht unterschrieben hat, ist sie freiberuflich tätig. Sie arbeitet überwiegend mit Autisten.
Bei einem dieser Autisten steht ein Schulwechsel an. Die bisherigen Erfahrungen mit “Nicht-Fachkräften” als Schulbegleiter veranlassen das Jugendamt Ende Februar zu der Frage, ob die Erzieherin nicht die Integrationshilfe übernehmen wolle.
Die Erzieherin – weil sie den Autisten mag und der Autist sie zu mögen scheint – rechnet:
Bei 16 €/Stunde und einem durch die lange Anfahrt hohen Zeit- und Spritaufwand bleibt abzüglich Sozialversicherung u.ä. noch ein Stundenlohn von 2,70 €, der sich dann in “guten Monaten” (keine Ferien , keine krankheits- oder andersbedingten Ausfälle) zu einem monatlichen Einkommen von 300 bis günstigstenfalls 400 € summieren könnte.
Die Erzieherin erklärt sich bereit, den Job für 16 €/Stunde + Erstattung der Fahrtkosten zu übernehmen.
Um ihr Psychologie-Studium dabei wenigstens noch als Teilzeitstudent fortführen zu können, sucht sie für andere von ihr betreute Kinder eine “Ersatzbetreuung” – der “NebenerwerbsReitunterricht” wird wohl eingestellt werden müssen. ..dass durch die längere Studiendauer zusätzliche Gebühren anfallen, soll hier mal ignoriert werden.
Brav legt die Erzieherin beim Jugendamt die angeforderten Ausbildungsnachweise, Referenzen, bisherigen Arbeitsberichte zum Fall des betreffenden Autisten und diverse weitere Qualifikationsnachweise vor – z.B. das gute (weil vor dem freiwillig nicht unterschriebenen Vertrag ausgestellte
) Arbeitszeugnis ihres ehemaligen Arbeitgebers.
(als “Bewerbung” für einen Job, der in der Regel …s.o.)
Ende April lehnt das Jugendamt die Kostenübernahme ab.
Die Erzieherin macht Zusagen an andere Kunden, baut den “NebenerwerbsReitunterricht” aus, organisiert ihr Studium dementsprechend.
Anfang Mai will das Jugendamt nochmal darüber nachdenken, ob eine Fachkraft nicht doch sinnvoll sei – es müssten allerdings noch ein paar Dinge geklärt werden… man werde der Erzieherin einen Gesprächstermin nennen.
Die Erzieherin entwickelt zu ihrer aktuellen Planung noch Plan B bis (etwa) X – und antwortet ab sofort auf unterschiedliche Anfragen zu diversen Lebenslagen mit einem konsequenten “Vielleicht, wenn… dann - oder…”
Nach einigen Wochen mit gelegentlichen Nachfragen an unterschiedlichen, in die Entscheidungsfindung eingebundenen Stellen warten Mitte Juni immer noch mehr oder weniger gelassen:
Die Erzieherin, der Autist und seine Familie, andere Kunden der Erzieherin, die Vielleicht-Ersatzbetreuung, deren andere Kunden, die zukünftige Schule (sollte man annehmen), der zuständige Autismustherapeut, die Integrationsdienstleitung der bisher für den Schulbegleiter zuständigen Institution (die nicht weiß, ob sie sich jetzt ihrerseits um die Besetzung der Stelle kümmern soll)…
Am Montag hab ich angerufen und den Job von meiner Seite aus abgesagt.
Am Dienstag hat man mich angerufen, um mir mitzuteilen, ich sei als Integrationshelfer mit 16 € /Stunde genehmigt, nur über die Fahrtkostensache wäre noch nicht endgültig entschieden…aber – leicht säuerlich – ich hätte meine Entscheidung ja SCHON getroffen.
Das “SCHON” der Bürokratie ist eindeutig nicht mein “SCHON“…
P.S: Eine andere Maßnahme mit dem Ziel, den Autisten auf den Schulwechsel und die damit verbundene Integration in eine neue Gruppe vorzubereiten, läuft SCHON langsam – weil erfreulich erfolgreich – aus…beantragt im Dezember – und bis jetzt (wenige Wochen vor den Schulferien -> dem Schulwechsel) noch nicht genehmigt.
für Interessierte:
Expertenpapier des Landesjugendamtes Rheinland zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus durch Integrationsassistenz