kant

Kant: transzendentale Dialektik

Zur Zeit Kants gab es 2 Arten von Logik (“Anleitungen zum Denken”):

Analytik = Lehre vom logisch notwendigen Schließen
Dialektik = Lehre von den bloß wahrscheinlichen Schlüssen
(man stellt zwei Annahmen nebeneinander und diskutiert diese)

Kant kritisiert die Annahme, dass man über die Dialektik überhaupt zu irgendwelchen “gültigen” Schlüssen kommen kann -

Aussage der Dialektik:
Es gibt Wissen a priori (vor der Erfahrung) -
mit diesem Wissen kann ich eine entsprechende Erfahrung machen -
mit dieser Erfahrung kann ich mein Wissen beweisen (Deduktion).

Aussage Kants:
Verstand/Wissen kann nicht gleichzeitig (“parallel”) Ausgangspunkt und Ziel einer Reihe von logischen Schlussfolgerungen sein ( = Paralogismus).

> Dialektik ist eine “Logik des Scheins” :
Widersprüchliche Annahmen können diskutiert,
unterschiedliche Positionen “diskutierend” begründet ,
die Widersprüche erklärt, aber nicht aufgelöst werden.

Tatsächlich ist das, was über die Erfahrung hinausgeht, nicht zu beweisen – auch nicht, wenn es “logisch” zu sein scheint. Ziel der transzendentalen (vor der Erfahrung liegende Bedingung der “Möglichkeit”, eine Erfahrung zu machen) Dialektik ist es, diese “Scheinlogik” aufzudecken – und Sachverhalte aufzuzeigen, die nicht empirisch, sondern nur transzendental erfahrbar und zu erkennen sind.

z.B. die Frage nach der “Person” :
Aus der Erfahrung, dass ich Raum und Zeit wahrnehme,
kann ich schließen, dass es ein ICH gibt, das wahrnimmt.
Aufgrund der Erfahrung, dass ICH MICH wahrnehmen kann,
nehme ich an, dass es ein ICH gibt, das MICH wahrnimmt.
Die Existenz dieses ICHes kann ich nicht beweisen
- sie wäre aber die “Bedingung für die Möglichkeit”, dass ich mich selbst wahrnehme

= transzendentales Ich

Es gibt eine “logische Einheit” ICH, aber ich kann nichts sicheres über diese “Einheit” sagen, weil das transzendentale ICH ein Teil dieser Einheit ist, und das ist ja nun halt nicht erfahrbar…> keine Aussage über “Substanz” des Ichs, keine Aussage über die Substanz des Verstandes > keine Aussage über die Zuverlässigkeit dessen, was der Verstand so an Erkenntnis produziert > gegen reinen Rationalismus

Philosophen Platon bis Kant in kurz

stammbaum philosophie

und in etwas länger mit Bezug zur Psychologie: platon bis kant

(Quelle der Grafiken zu Platon/Aristoteles:  Wikipedia)

und noch zu Kant:

OpenOffice Präsentation
PDF zur Präsentation

und hier noch einen Philosophen-Überblick ;) von Monty Python:

Kant: Mathematik und Psychologie

“Noch weiter aber, als selbst Chymie, muß empirische Seelenlehre jederzeit von dem Range einer eigentlich so zu nennenden Naturwissenschaft entfernt bleiben, erstlich weil Mathematik auf die Phänomene des inneren Sinnes und ihre Gesetze nicht anwendbar ist, man müßte denn allein das Gesetz der Stetigkeit in dem Abflusse der inneren Veränderungen desselben in Anschlag bringen wollen, welches aber eine Erweiterung der Erkenntnis sein würde, die sich zu der, welche die Mathematik der Körperlehre verschafft, ohngefähr so verhalten würde, wie die Lehre von den Eigenschaften der geraden Linie zur ganzen Geometrie. Denn die reine innere Anschauung, in welcher die Seelen-Erscheinungen konstruiert werden sollen, ist die Zeit, die nur eine Dimension hat”
Immanuel Kant : Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft

übersetzt etwa:

Das einzige, was an seelischen Erscheinungen mit Mathematik zu messen wäre, ist ihre Dauer, vielleicht noch ihre Abfolge in der Zeit (wie lange bin ich traurig, wie oft war ich vorm Traurigsein wütend, wie oft ängstlich, bin ich nachher häufiger fröhlich oder häufiger verärgert…).
Das bringt mich aber nicht weit, wenn ich nicht mal gleichzeitig messen kann, wie “traurig” “traurig” im Vergleich zu “fröhlich” oder so überhaupt ist…

Wundt sagt dazu:
Kant ist ein Schwarzseher – immerhin kann ich den Unterschied zwischen “traurig”, “bisschen traurig” und “sehr traurig” messen…oder zumindest den Unterschied zwischen “ich sehe grün” – “ich sehe mehr grün” – “ich sehe weniger grün”…passend zu den messbaren physiologischen Daten (Wie ändert sich das Grün-Erleben, wenn sich das physikalische Grün ändert?)

Analytische Urteile im Sinne von Kant

sind logisch und finden im Verstand (a priori) statt
- basierend auf dem Material, das im Verstand vorhanden ist, z.B. den logischen Gesetzen.

Deshalb fallen Erfahrungen/sinnliche Wahrnehmung grundsätzlich nicht unter analytische Urteile. (die Kant als “Verstandestätigkeit” versteht)

Erkenntnisse aus der Erfahrung sind möglich und notwendig, können aber nicht “in der Erfahrung selbst” analysiert werden:

Eine Erfahrung ist immer etwas Ganzheitliches – ich kannt z.B. eine Blume wahrnehmen. Natürlich kann ich diese Wahrnehmung “zergliedern” und die Blume sogar von Hand zu Fuß auseinandernehmen…aber dann ist es eben keine Blume mehr, sondern nur noch eine Ansammlung von Teilen einer Blume.
Um diese Teile als “Teile einer Blume” zu erkennen, brauche ich meine “logischen Systeme”, den Verstand…das “Schema Blume”…die Idee von Zeit (eben noch eine Blume, jetzt einzelne Teile, aber im Grunde die gleiche Blume) und Raum (einmal sind die Teile so zusammen, einmal auseinander, aber immer noch die gleichen Teile)…

Erfahrung kann demnach nicht analytisch/logisch sein – Erfahrung IST einfach HIER und JETZT und füttert den Verstand mit Eindrücken…die dieser Kraft seiner Logik einsortieren kann.

Ohne das, was im Verstand schon vor der Erfahrung da war (a priori), sehe ich einen Haufen Irgendwas – mit Hilfe der logischen Analyse weiß ich, dass der Haufen vorher anders angeordnet eine Blume war… Erfahrung lässt sich ohne Verstand nicht zergliedern…und Kant legt nun mal viel Wert darauf, dass der Verstand mit seiner Logik schon VOR der ersten Erfahrung überhaupt da gewesen sein muss…

Verwirrend ist wahrscheinlich, dass sich diese “a priori”-Sache in diesem Zusammenhang  quasi als grundsätzliche Antwort auf die Frage “Wie komme ich zu Erkenntnis” bezieht – also auf die Unterscheidung von

> Rationalismus
(“vor der Erfahrung” durch reines Denken) und
> Empirismus
(“nach der Erfahrung” durch ERST Wahrnehmen und DANN Nachdenken über das Wahrgenommene) bezieht

und nicht auf einen zeitlichen Ablauf “erst denken – dann erfahren – dann über die Erfahrung nachdenken”…

Kant: a priori / posteriori

a posteriori: Erkenntnisse, die aus oder nach der Erfahrung gewonnen werden (= Empirismus)
a priori: Wissen, das  laut Kant schon vor der Erfahrung da sein muss, um die Erfahrung überhaupt “analysieren” zu können (= Rationalismus).

Beispiel:

Ich sehen einen Menschen von A nach B gehen.

Ohne a priori-Wissen (Raum, Zeit, Menge …) krieg ich meine Wahrnehmung nicht gordnet,
sehe vielleicht viele Wesen überall ohne erkennbare Bewegungsrichtung
…weil ohne Wissen um Raum und Zeit, ohne Wissen “eins oder viele”…
-> keine Wahrnehmung von Bewegung…
-> kein Erkennen, dass sich da nur EIN (numerisch identisches) Etwas in der Zeit durch den Raum bewegt,
zuerst bei A, dann zwischen A und B, dann bei B ist…

vgl: Grafik

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