Politik

(Keine) Politische Partizipation ?

Ich sage:
„Warum soll ich mich für Politik interessieren ?
Politik interessiert sich ja auch nicht für mich.“

Ulrich Commerçon,
Initiator des „Partizipationsprojektes“ MachtBildung, sagt dazu:
„Solange DU Dich nicht für Politik interessierst,
interessiert sie sich nicht für Dich.
Und zwar nur genau so lange,
bis Du Dich doch dafür interessierst.
Das erfordert aber natürlich auch eigene Anstrengung.“

Herr Commerçon,

Sie haben den Eindruck, „dass diese Distanz auf beiden Seiten ihre Ursache hat.“
Nachdem ich mehrmals (vergeblich) versucht habe, „den Politikern“ großzügig alle Ursachen dieser Distanz zuzuschreiben, glaube ich, inzwischen langsam zu verstehen, was Sie so deutlich vielleicht nicht sagen wollten:

Warum soll sich die Politik für dich interessieren ?
Du interessierst dich ja auch nicht für die Politik.

Nicht ganz. Eher so: “Wie kann sich die Politik denn für Dich interessieren, wenn Du nicht deutlich machst, was Du von ihr erwartest.”

? Wie erleben Sie als „partizipationswilliger“ Politiker die Partizipationswilligkeit und auch die Partizipationsfähigkeit bwz. tatsächliche Partizipation der Bürger ?

Ich erlebe das sehr unterschiedlich und halte nichts von pauschalen Bewertungen à la: “Die Jugend interessiert sich ja nicht für Politik.” oder: “Die sind politik(er)verdrossen.”
Alles in allem mag die Bereitschaft zu politischer Partizipation in Deutschland (erheblich) nachgelassen haben. Allerdings gehört der Ehrlichkeit halber dazu, dass sie in Deutschland seit Beginn der 70-er Jahre auch im europäischen und internationalen Vergleich außerordentlich hoch war.
In den Parteien, aber v.a. auch in (anderen, denn Parteien sind dies ja eigentlich auch) “Bürgerinitiativen”/Verbänden etc. gibt es zum Glück immer noch eine Menge und sehr engagierte Menschen.
Und natürlich finde ich, dass Politik(er) und Parteien auch attraktive Angebote der Partizipation machen sollten. Ich bemühe mich darum jedenfalls, aktuell in der “MachtBildung”-Kampagne, aber auch schon bei der Erarbeitung des Regierungsprogramms im vergangenen Jahr.

Sie nutzen – nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit MachtBildung – die „Macht der SocialMedia“.
?
Stichwort „Sehen und gesehen werden“ :
Mit welchen Zielen haben Sie sich ins web2.0 begeben ?

Nun, am Anfang stand eher meine spielerische Neugierde; klar: und natürlich so ein bisschen auch “Obamania” bzw. die Überlegung, mal zu schauen, wie sich das web2.0 für den Wahlkampf nutzen lässt. Ich wollte halt mal sehen, ob es bspw. sinnvoll ist, den Spitzenkandidaten Heiko Maas mit einem Twitteraccount auf die Leute loszulassen. Dass ich dann recht schnell so viel Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe, hat mich dann überrascht. Und dann kam der Zufall dazu, dass mich eine wegen einer störenden Baustelle auf die Bahn wütende Bloggerin und Twitterin, unsere heißgeliebte und hochverehrte @ApfelMuse dazu verleitet hat, mich um ihr Problem zu kümmern und ihr die entsprechenden Kontakte und Infos zu besorgen…

? Welche Erfahrungen in Sachen „Partizipation“ haben Sie mit Twitter u.ä. bis jetzt gemacht ?

…Dabei entstand ein so guter und spannender Dialog, dass ich merkte: Mensch, da sind ja die Menschen, die auch wirklich was von Dir wissen wollen. Das ist ja fast so etwas wie ein “Infostand des 21. Jahrhunderts”.
Auch @ApfelMuse schien das so zu gefallen, dass ein Politiker das mal Ernst nimmt und sich kümmert, dass sie mich weiter empfohlen hat, sodass ich nicht nur immer mehr Follower bekam, sondern auch extrem viele Anfragen aus den Communities zu politischen Alltagsproblemen.

? Haben diese Erfahrungen ihre Ziele verändert ?

Die Ziele nicht, aber sicher die Denkweise und die Methoden. Und vielleicht ist ein Ziel verstärkt worden oder mir bewusster oder auch von einem Mittel zum Ziel geworden: Partizipation selbst. Ok. Und die extrem hohe Bedeutung von Partizipation im demokratischen Prozess war nicht mehr nur noch theoretisch, sondern plötzlich ganz praktisch erfahrbar.

Partizipation ist weder an einen Parteieintritt gebunden noch auf ein Kreuzchen auf einem Wahlzettel beschränkt.
?
Welche Wege zur Partizipation möchten Sie beiden Seiten – Bürgern und Politikern – zum Abschluss noch einmal als „niedrigschwelligen Einstieg“ ans Herz legen ?

Da muss jedeR ihren/seinen eigenen Weg finden und wählen, was am besten zu den eigenen Vorstellungen passt. Ich persönlich kann den vielfältigen Möglichkeiten, die das Web2.0 bietet eine Menge abgewinnen und empfehle allen KollegInnen, die auch Freude daran haben, diese Kontaktmöglichkeiten nicht zu unterschätzen.
Twitter ist dabei mein persönlicher Favorit, weil es flexibel, spontan, geistreich und witzig ist und weil dort echte Kommunikationsjunkies unterwegs sind, die selbst wieder stark vernetzt sind und Meinung sehr dauerhaft beeinflussen.
Allerdings: Den unmittelbaren “körperlichen” Kontakt möchte ich darüber hinaus nicht missen. Authentischer als im R(eal)L(ife) geht es halt doch (noch!?) nicht ;-)

Den interessierten BürgerInnen sage ich eigentlich das gleiche: Macht es, wie es Euch gefällt.
Aber macht es! Bombardiert uns mit Mails, twittert uns voll, schreibt Briefe, bittet um persönliche Gespräche, kommt in Veranstaltungen, werdet in Bürgerinitiativen aktiv und geht in Parteien, übernehmt Funktionen, kandidiert für Mandate…

… ach ja: Und zuallererst schreibt Ihr alle mal schön brav Kommentare auf  http://www.macht-bildung.de und schickt die Webadresse mal an Euer Adressbuch, verlinkt sie auf Eurer HP und twittert Hashtag: #MachtBildung :-)

Ansonsten fragt Ihr am besten @ponyQ, die weiß, wie’s geht.

Tatsächlich redet ponyQ ja eigentlich gar nicht mit Politikern ^^… und deshalb dann doch noch eine Nach-Frage:
Bei MachtBildung scheint alles an Wortmeldungen willkommen zu sein – von persönlicher (Einzel-)Betroffenheit bis All-Inklusive-Konzept.
?
War das so gewollt oder hat sich das so ergeben ?

Das war pure Absicht. Wir wollen ja möglichst keine Hemmschwelle einbauen.

? Oder gilt das sogar generell für “Partizipation”: Kann ich (entgegen meiner bisherigen ponyQ-Ansichten, s.o.) davon ausgehen, dass ein “normaler Politiker” bemüht ist, “zwischen den Zeilen” zu lesen ?
Anders formuliert: Wird meine Meinung – und mag sie auch noch so privat, emotional verwickelt und eventuell auch etwas holprig formuliert sein – von einem Politiker auf einer “politisch verwertbaren Ebene” zur Kenntnis und ernst genommen ?

Das ist mir ehrlich gesagt zu pauschal gefragt. Worum “normale Politiker” bemüht sind, weiß ich nicht.

Ich bemühe mich; und die meisten meiner KollegInnen auch. Ob ich/wir allerdings auf einer nach dem jeweiligen Geschmack “politisch verwertbaren Ebene” agieren, stelle ich mal anheim ;-)

Im Ernst: In meiner Fraktion wird jeder Versuch der Kontaktaufnahme, Meinungsäußerung o.ä. nicht nur zur Kenntnis, sondern auch zum Anlass für eine Antwort genommen.

… wie man hier lesen kann ;)   Danke !


“Eigentlich rede ich nicht mit Politikern”

höre ich mich sagen – zu dem Politiker, mit dem ich gerade rede.
Ups :oops:
- aber okay: Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage ?
Und während ich mein Statement noch etwas ratlos betrachte,
fragt der Politiker natürlich schon:

“Warum nicht?”

Kurz: @UlrichCommerçon
Ge
bissen hat er nicht.Er hat sich höchstens ein Grinsen verbissen. :)

Meine Spontanerklärung: “Zu weit weg”.

Prima. Jetzt weiß ich also, was ich denke. Da kann ich nun gemächlich zum Nach-Denken übergehen.

Hier also meine gesammelten impliziten Einstellungen zum Thema Politik(er):

  • Warum soll ich mich für Politik interessieren ? Politik interessiert sich ja auch nicht für mich.
  • Was an Politik in den Fernseh- oder Radio-Nachrichten erscheint oder in der Zeitung steht, ist ja eh schon “gemacht”.
  • Leserbriefe ? Wer liest die denn ? Das interessiert doch höchstens die anderen, die sich auch ärgern.
  • Politiker interessieren sich nicht für Bürgermeinungen. Die wollen meine Stimme nicht hören, sondern sehen – als Kreuz auf dem Stimmzettel.
  • Mit einem Politiker reden ? Der leiert doch nur seine Phrasen und aufgeblasenen Argumente runter und haut mit nicht nachvollziehbaren statistischen Zahlen um sich. Motto: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich – und muss davon überzeugt werden, dass ICH recht habe.
  • Mit einem Politiker reden ? Erst, wenn ich selbst erfolgreich eine Ausbildung “Rhetorik für Politiker” abgeschlossen habe.
    (keine Schleichwerbung – will nur sagen: das gibt es tatsächlich)
  • Bis ich meine Ideen “politikfähig” recherchiert, sortiert und formuliert habe, sind die schon beim nächsten Thema.
  • Politiker ? Das sind doch die, die immer eigentlich “unanwesend” und unpersönlich einstudierte Reden bar jeglicher Authentizität, dafür voller Schlagwörter und doch so  inhaltsleer… ihr wisst schon, was ich meine.

Deshalb rede ich eigentlich nicht mit Politikern.

Ob ich mit einem Menschen aus meiner Twitter-Timeline rede ? Auch “offline” ?
Klar. Den hab ich ja deshalb in meiner TL, weil ich von seinen Inputs (Outputs?) profitiere und mich seine Ideen interessieren.
Find ich doch nett, diesen Menschen mal “in echt” zu treffen… und die Online-Kommunikation via Twitter und Blog(-kommentare) mit etwas “Face-To-Face” zu ergänzen.

Deshalb rede ich jetzt mit einem Politiker…

Von konsequenter “politischer Abstinenz”  (konnte früher locker auch mal ein paar Wochen ohne Nachrichten gemütlich vor mich hinleben) bin ich nach etwa einem Jahr Bloggen und vor allem über meine nunmehr 4 Monate Twitter-Account  irgendwie hier gelandet.

Wie ist mir das nur passiert ?

Bin ich das Opfer einer politischen Twitter-Marketing-Kampagne ?

Ich hier als Beweis für die Wirksamkeit diverser Marketing-Strategien ?

  • Mere-Exposure-Effekt:
    Mit der Häufigkeit des Kontakts steigt das Gefühl der Vertrautheit. Mit dem Gefühl der Vertrautheit steigt die Sympathie.
    Als “Kontakt” wirkt dabei schon der wiederholte, kurzzeitige gemeinsame Aufenthalt im gleichen (Cyber- ?) Raum.
  • Schnelles Feedback steigert die Motivation…
    und Twitter ist schnell ;)

@ponyQ Danke für RT! Und für den tollen Kommentar auf macht-bildung.de :-)
@ponyQ Coole Idee. Wir kümmern uns.
@ponyQ Und? Hat er gebissen? ;-) Im Ernst: Interessiert mich, was beim Nachdenken rauskommt!
(weshalb ich manipulmotiviert jetzt hier rumtexte – statt was für´s Studium zu tun…)

Hm. :roll: Ein Beweis bin ich auf jeden Fall.
Aber als Opfer fühle ich mich nicht – eher als Lerner.

Ich lerne was über Diskutieren, politische Bildung, Demokratie – und sicher auch zusätzlich einiges, was ich im Moment noch gar nicht benennen kann.

“Demokratie lebt von Austausch, Dialog und Mitbestimmung”

lese ich da.

Eine Demokratie ist mehr als eine Form der Regierung; sie ist vor allem eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsam kommunizierten Erfahrung. Eine demokratische Gesellschaft muss daher in Übereinstimmung mit ihrem Ideal [...] dem Spiele verschiedenster Gaben und Interessen im Sinne geistiger Freiheit Raum gewähren.

meint John Dewey (1964)

Und Piaget kam bei seinen Untersuchungen zur Entwicklung der Moral (=> Werte => Regeln, die demokratisch ausgehandelt werden) zu dem Schluss, dass tatsächlicher Austausch als Grundlage “verinnerlichter” Werte nur unter Gleichberechtigten ohne Anwesenheit von Autoritäten funktionieren kann:

Il en est de même en ce qui concerne la vie intellectuelle. La coopération entre enfants développe, avec la discussion, le sens du contrôle et le sens de la cohérence logique. Replié sur lui-même, l’enfant reste dans le rêve. Aux prises avec l’adulte, il est écrasé par une vérité qui reste extérieure à sa pensée. En collaboration avec ses proches, par contre, il développe tout à la fois sa personnalité et le culte de la vérité impersonnelle et objective.
La règle morale chez l’enfant (Jean Piaget)

Twitter, Blogs und andere Möglichkeiten des web2.0
als Mittel zu “Austausch, Dialog und Mitbestimmung” ?

Demokratie lernen und üben im Internet ?

Was mir dazu einfällt:

zum Aspekt “Austausch unter Gleichberechtigten”:

140 Zeichen reichen entweder für “authentische” Kommunikation oder für eine im Vergleich dazu wenig kommunikative Wortsammlung wie z.B. einen Hinweis auf Status(unterschiede) – 140 Zeichen fördern also gleichberechtigte Kommunikation ?
(eine These, zu der sicher irgendjemand schon eine empirische Studie gemacht hat oder spätestens ab jetzt machen will ?)

zu den Aspekten “Dialog” und “geistige Freiheit”:

Mein Kommentar unter einem Blogartikel ist kein (ungelesener ?) Leserbrief in einer Zeitung, in der morgen die Kartoffelschalen zu den Hasen transportiert werden (ich mag das “Fischeinwickel-Bild” nicht ;) ) - sondern jederzeit nachlesbarer Bestandteil einer Diskussion: andere Personen können sich in weiteren Kommentaren darauf beziehen (oder zumindest mit “Daumen hoch – Daumen runter” ein kurzes Feedback geben).

Wieso ich mich beim Kommentieren auf einem Blog nicht zur “wissenschaftlichen Ausarbeitung” meiner Argumente/Ideen bemüßigt fühle, sondern eher unbeschwert (und “geistig frei” bis frei von geist… ) drauflos schreibe ? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich dort die Möglichkeit zu weiteren Wortmeldungen habe, falls ich im Verlauf der Diskussion etwas ergänzen, differenzieren oder auch zurücknehmen will ? Weil ich – wenn´s gut läuft – mitverfolgen kann, wie andere das in ihren Kommentaren für mich übernehmen – und mir durch ihr Feedback helfen, meine Ideen zu sortieren und auszuformulieren – oder neue Ideen zu entwickeln ?

Was sagt ihr ? Seh nur ich Blogs und Blogkommentare als “niedrigschwelligen Einstieg” in Sachen (politische,demokratische,… ) Meinungsäußerung ?

  • “Auf Blog kommentieren” zum Abbau von eventuell vorhandenen Diskussionshemmungen durch den Erwerb von Diskussionskompetenz ? (wo ist/wer macht die Studie dazu ? ;) )

Wahrscheinlich habt ihr (… @JayRachel , @beatnig , @all ) zum Thema Demokratie 2.0 noch mehr Erfahrungen und Ideen ?

Ich bin ja noch ziemlich neu im web2.0. und ganz neu in diesem Demokratie-Ding
- und derzeit noch vollauf mit dem wackeligen Übergang von Online- zu Offline-MachMit beschäftigt.

Meine Gedanken zum Offline-Austausch häng ich dabba noch als PDF(eedback) an.
Und jetzt studier ich mal ein bisschen.


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