zeit

Kant: Mathematik und Psychologie

“Noch weiter aber, als selbst Chymie, muß empirische Seelenlehre jederzeit von dem Range einer eigentlich so zu nennenden Naturwissenschaft entfernt bleiben, erstlich weil Mathematik auf die Phänomene des inneren Sinnes und ihre Gesetze nicht anwendbar ist, man müßte denn allein das Gesetz der Stetigkeit in dem Abflusse der inneren Veränderungen desselben in Anschlag bringen wollen, welches aber eine Erweiterung der Erkenntnis sein würde, die sich zu der, welche die Mathematik der Körperlehre verschafft, ohngefähr so verhalten würde, wie die Lehre von den Eigenschaften der geraden Linie zur ganzen Geometrie. Denn die reine innere Anschauung, in welcher die Seelen-Erscheinungen konstruiert werden sollen, ist die Zeit, die nur eine Dimension hat”
Immanuel Kant : Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft

übersetzt etwa:

Das einzige, was an seelischen Erscheinungen mit Mathematik zu messen wäre, ist ihre Dauer, vielleicht noch ihre Abfolge in der Zeit (wie lange bin ich traurig, wie oft war ich vorm Traurigsein wütend, wie oft ängstlich, bin ich nachher häufiger fröhlich oder häufiger verärgert…).
Das bringt mich aber nicht weit, wenn ich nicht mal gleichzeitig messen kann, wie “traurig” “traurig” im Vergleich zu “fröhlich” oder so überhaupt ist…

Wundt sagt dazu:
Kant ist ein Schwarzseher – immerhin kann ich den Unterschied zwischen “traurig”, “bisschen traurig” und “sehr traurig” messen…oder zumindest den Unterschied zwischen “ich sehe grün” – “ich sehe mehr grün” – “ich sehe weniger grün”…passend zu den messbaren physiologischen Daten (Wie ändert sich das Grün-Erleben, wenn sich das physikalische Grün ändert?)

Kant: Raum und Zeit, Sinnlichkeit und Verstand

Raum und Zeit:

Alles, was wir wahrnehmen, nehmen wir zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort wahr. Die Wahrnehmung von Raum und Zeit ist also definitiv eine Erfahrung (Grüße an den Empirismus). Die Dinge, die ich wahrnehme, haben aber an sich weder die Eigenschaft “Raum” noch die Eigenschaft “Zeit”…höchstens groß, klein, grün, heiß, rauh…Die Wahrnehmung von Zeit und Raum ist also nichts, was den Dingen an sich “anhängt”, sondern gibt eine Beziehung zwischen Dingen an – also MUSS es einen Bezugspunkt für diese Wahrnehmung geben: MICH. Und die Wahrnehmung von Raum und Zeit kommt nicht von außen, sondern passiert in mir. (=innere Wahrnehmung)
Hat schon mal den Vorteil: Es gibt MICH. (siehe auch GRAFIK)
Und es gibt eine Wahrnehmung, die nicht mit den “äußeren Sinnen” erfahrbar ist – also gibt es einen VERSTAND. Und den kann ich zusätzlich zur “empirischen Erkenntnis” als Mittel zur “rationalen Erkenntnis” einsetzen.

Also: kein “reiner Empirismus” , aber auch “Kritik an der reinen Vernunft”.

“Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden.
Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.”

Verstand und Vernunft:

Diese Begriffe werden heute in der Regel synonym verwendet.
Bei Kant war´s etwa so: Verstand ist der “Denkmuskel” , Vernunft ist das, was diesen Muskel lenkt…erkenntnistechnisch also noch eine Stufe oben drüber angesiedelt:

Verstand als Vermögen der Regeln im Unterschied zur Vernunft als Vermögen der Prinzipien

Regeln muss ich erst mal verstehen bzw. VERSTANDen haben, z.B.

Regel: Wenn man vom Hochhaus springt, ist das ungesund.

Vernunft (nunft = mittelhochdeutsch “nehmen” > ver-nunft= Freiheit, etwas zu nehmen…) ist das, was mich davon abhält zu springen, nachdem mein Verstand meldet, was er als Regel verstanden hat.

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